„Gegen Vorurteile – für Chancen: Antiziganismus erkennen – Integration und Teilhabe gestalten“: Unter dieser Überschrift veranstaltete das Kommunale Integrationszentrum (KI) der Stadt Hagen am vergangenen Mittwoch, 8. April, einen Fachtag anlässlich des Internationalen Tages der Roma, der auch als Internationaler Roma-Tag oder Welt-Roma-Tag bezeichnet wird.
Der weltweite Aktionstag macht auf die Lebenssituation von Romnja und Roma, insbesondere auf die weiterhin bestehende Diskriminierung und Verfolgung, aufmerksam. Zugleich würdigt er die Kultur der Roma, der in ihrer Gesamtheit größten ethnischen Minderheit Europas. Seit 1990 wird dieser Tag jährlich am 8. April begangen. Das Datum erinnert an den Ersten Welt-Roma-Kongress, der am 8. April 1971 in London stattfand und als wichtiger Meilenstein der internationalen Roma-Bürgerrechtsbewegung gilt.
Der Fachtag in Hagen richtete sich erneut an Fachleute aus EU-Zuwanderungsprojekten, Beschäftigte der Hagener Stadtverwaltung sowie an Pädagoginnen und Pädagogen aus Hagen und Umgebung. Obwohl der Aktionstag in diesem Jahr in die Osterferien fiel, nahmen über 70 Interessierte an der Veranstaltung im Kulturzentrum „Pelmke“ teil und unterstrichen damit die hohe Relevanz des Themas. Ziel der diesjährigen Veranstaltung war es, auf die anhaltende Diskriminierung von Roma aufmerksam zu machen, historische Hintergründe zu beleuchten und Perspektiven für eine gerechtere gesellschaftliche Teilhabe zu entwickeln.
Diverse Beiträge beleuchten Situation von Betroffenen
In ihrem Grußwort erinnerte Martina Soddemann, Erste Beigeordnete der Stadt Hagen, Vorstandsbereich Jugend und Soziales, Bildung, Integration und Kultur, dass auch mehr als 35 Jahre nach Einführung des Gedenktages Romnja und Roma weltweit weiterhin von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen sind. In Deutschland seien tief verwurzelte Vorurteile und ein verbreiteter Antiziganismus nach wie vor Realität. Stereotype Zuschreibungen, gesellschaftliche Abwertung, strukturelle Benachteiligung und gewaltsame Übergriffe prägten für viele Betroffene den Alltag – ein Zustand, der nicht hinnehmbar sei. Zugleich unterstrich sie, dass Romnja und Roma selbstverständlich zu Deutschland gehören und einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Es sei eine gemeinsame Verantwortung, Diskriminierung entschieden entgegenzutreten – bundesweit und auch vor Ort in Hagen.
Sebastijan Kurtisi, Roma-Aktivist und Sozialcoach, nahm in seinem Vortrag die „Situation der Roma in Deutschland damals und heute“ in den Blick. Dabei beleuchtete er die historischen Wurzeln des Antiziganismus – von frühen Formen der Ausgrenzung bis hin zur systematischen Verfolgung während des Nationalsozialismus. Er verdeutlichte dabei, wie tief gesellschaftliche Vorurteile verankert sind und bis in die Gegenwart hineinwirken.
Mustafa Jakupov, stellvertretender Leiter der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA) in Berlin, widmete sich den aktuellen Erscheinungsformen des Antiziganismus. Er stellte Erkenntnisse aus der bundesweiten Fall- und Datenarbeit seiner Einrichtung vor. Dabei wurde erkennbar, dass strukturelle Benachteiligungen, stereotype Darstellungen in den Medien sowie Ausgrenzungserfahrungen für viele Romnja und Roma in Deutschland weiterhin zum Alltag gehören.
Dr. Thorsten Schlee, Vertretungsprofessor im Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein, rückte in seinem Beitrag „Des-Integration durch Arbeit?“ die Arbeitsmarktlage europäischer Bürgerinnen und Bürger im Ruhrgebiet in den Fokus. Er konnte darlegen, dass Arbeitskräfte aus Südosteuropa in zahlreichen Branchen nicht mehr wegzudenken sind. Ob in der Gastronomie, der Pflege, im Baugewerbe, in der Landwirtschaft oder in wirtschaftsnahen Dienstleistungen – überall leisten sie einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren zentraler Bereiche der regionalen Wirtschaft. Gleichzeitig unterstrich der Referent, dass insbesondere geringqualifizierte Zugewanderte häufig mit prekären Arbeits- und Lebensbedingungen konfrontiert seien, was bestehende strukturelle und soziale Defizite deutlich sichtbar mache. In der anschließenden Diskussion hinterfragten die Anwesenden kritisch, inwiefern Arbeitsmarktstrukturen nicht nur Integration fördern, sondern zugleich auch zur Ausgrenzung beitragen können. Dabei benannten sie insbesondere fehlende Anerkennung von Qualifikationen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse sowie institutionelle Hürden als zentrale Herausforderungen. Es zeigte sich erneut, dass Integration und gesellschaftliche Teilhabe nicht automatisch entstehen, sondern gezielte Unterstützung und aktive Maßnahmen erfordern.
Der diesjährige Fachtag zum Internationalen Tag der Roma bot Raum für Austausch, Reflexion und Vernetzung. Am Ende bestand Einigkeit darüber, dass der Abbau von Vorurteilen sowie die Förderung von Chancengleichheit ein langfristiges Engagement auf politischer, gesellschaftlicher und individueller Ebene erfordern.