Julia Hummer.

Julia Hummer - unnachahmlich authentisch

Von Michael Kaub

Julia Hummer ist auf der Leinwand präsent. Präsent vor allem wegen ihrem Gesicht und dem Ausdruck darin. Dieses Gesicht, das selbst beim Lächeln ein Hauch von Melancholie umgibt, vergisst man als Zuschauer nicht mehr. Und dennoch: Säße diese zierliche, gerade einmal 1,67 Meter große Julia Hummer im Kino neben einem, man würde sie vermutlich nicht wahrnehmen.

Einfach übersehen. Unscheinbar und präsenter Filmstar – ein Widerspruch? Regisseur Hans Christian Schmid, für den sie in "Crazy" (2000) spielte, stellte einmal fest: "Sobald man eine Kamera auf sie hält, passiert etwas mit ihr. Ihr Gesicht, ihre Augen, alles verwandelt sich." Bei der Kritik galt die Hagenerin schnell als "unnachahmlich authentisch".

2001 wird sie für den Deutschen Filmpreis als Beste Hauptdarstellerin nominiert. Im selben Jahr erhält sie die Goldene Kamera als beste Nachwuchsschauspielerin und den Günter-Strack-Fernsehpreis. Nicht zuletzt wegen ihrer kompromisslosen Interpretation eines Heimkindes, wird der Film "Gespenster" vom Verband der deutschen Kritiker auf der Berlinale 2005 mit dem "Preis der deutschen Filmkritik" ausgezeichnet.

Doch wenn es nach ihr geht, dann wird es wohl vorerst der letzte Film gewesen sein, in dem Julia Hummer "authentisch" ist. Musik ist ihre neue Leidenschaft. Eine überraschende Entscheidung. Bietet ihr Weg zum Film doch genügend Stoff für ein eigenes Drehbuch.

Geboren in Hagen, wächst sie mit ihren vier Geschwistern bei der Mutter auf. Mit 13 Jahren verlässt sie die Familie, um zu ihrem Vater zu ziehen. Dessen Ehefrau schickt sie zurück zur Mutter, die mittlerweile in der Schweiz lebt. Dort hält sie es nicht lange aus. Zieht, nach einem kurzen Aufenthalt in Itzehoe, schließlich in die Großstadt Hamburg, wo sie auf der Straße Karotten essend vom Fotografen Daniel Josefssohn angesprochen wird, der von ihr Aufnahmen für das Jugendmagazin "Jetzt" der Süd-deutschen Zeitung macht. Das Foto landet ein paar Monate später auf dem Titelblatt.

Eine Aufnahme, an die sich kurze Zeit später Regisseur Sebastian Schipper erinnern soll, als er im "Café unter den Linden" in Hamburg auf die damals 18-jährige Hummer trifft. Schipper fand sie, wie er in Interviews später sagte, zunächst unscheinbar. Doch irgendwann brachte er Hummer mit dem Titelbild des Magazins in Deckung, kommt mit ihr ins Gespräch und lädt sie zum Casting ein. Eigentlich hat sie "keine Lust auf Film". Geht aber schließlich doch und erhält die Hauptrolle in Schippers Debütfilm "Absolute Giganten".

Trotz ihrer nun folgenden Karriere beim Film reißt der Kontakt zu ihrem Bruder und ihrem Großvater, die beide in Hagen leben, nie ab. Besuche in der Geburtsstadt sind dennoch selten. Vielleicht führt sie ihre Musik einmal nach Hagen. Es wäre den Musikfreunden der Region zu wünschen, hat ihre Musik doch so gar nichts mit dem Gedudel gemein, das Schauspieler, die meinen, jetzt auch noch singen zu müssen, sonst hervorbringen. "Der Punkt ist doch, dass die Menschen spüren, ob jemand mit ganzem Herzen Musik macht", sagt sie.

Singer-Songwriter-Pop nennt sie ihren Stil, der geprägt ist von Musikern wie Bob Dylan oder Lou Reed. Ihre erste Single "Boxy, Where Are The Spangles" (2004) und ihr Debütalbum "Downtown Cocoluccia" werden von der Kritik hoch gelobt. Im Herbst 2007 erscheint ihr nächstes Album. Klassischer Folk-Pop soll darauf zu hören sein. Nur Gitarre und Mundharmonika. "Viel intimer als das erste Album", sagt sie. Und wird ihr faszinierendes Gesicht doch noch einmal von einer Kamera eingefangen? Etwas, was sie nicht ausschließen will. Im Moment macht sie aber Musik und sonst gar nichts.


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