Die große Liberale: Liselotte Funcke. Foto: Michael Kleinrensing

Dr. h.c. Liselotte Funke - die große Liberale

Von Hubertus Kramer

Schon im Jahr 1946 schloss sich Liselotte Funcke der FDP an, ihr Name und der ihres Vaters Oskar stehen gemeinsam mit dem Willi Weyers und anderen für erstes liberales Engagement auf kommunaler Ebene in den Nach-kriegsjahren. Dieses kommunale politische Engagement in Trümmern war die Grundlage für einen atemberaubenden politischen Lebensweg. Schon 1947 wird Liselotte Funcke Mitglied des nordrhein-westfälischen Landesvorstandes der Deutschen Jungdemokraten NRW, im gleichen Jahr Mitglied des FDP-Landes-vorstandes. Ein Jahr später übernimmt sie den Vorsitz des FDP-Landesfrauen-ausschusses, den sie 20 Jahre lang inne haben wird. 1964 rückt Liselotte Funcke in den FDP-Bundesvorstand und 1968 ins FDP-Präsidium. Auf dem Parteitag in Kiel wird sie 1977 als Nachfolgerin von Hans Friderichs zur stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt.

Einher mit ihrem vielfältigen parteipolitischen Engagement geht ihr Wirken in höchsten staatlichen Ämtern. Nach elfjähriger Zugehörigkeit zum nordrhein-westfälischen Landtag wechselt Liselotte Funcke 1961 in den Deutschen Bundestag, wird 1966 stellvertretende Vorsitzende des Finanzausschusses und ab 1972 Vorsitzende des Finanzausschusses. Zehn Jahre lang (1969 bis 1979) bekleidet sie das Amt der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Im November 1979 folgt sie dem Wunsch der Partei und wird im Kabinett des jungen Ministerpräsidenten Johannes Rau Nachfolgerin des nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministers Horst-Ludwig Riemer.

Bei den Landtagswahlen im Mai 1980 ist sie Spitzenkandidatin ihrer Partei, die FDP scheitert aber knapp an der Fünf-Prozent-Marke. Ein Jahr später holt Hans-Dietrich Genscher Liselotte Funcke als Nachfolgerin von Heinz Kühn im Amt der Ausländerbeauftragten der Bundesregierung zurück nach Bonn. Dieses Amt wird ihren Ruf als unbeugsame Liberale später besonders prägen. Als eine Leitfigur der sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt legt sie das Amt zunächst aus Protest gegen die "Bonner Wende" 1982 nieder, nimmt es im November 1982 auf Bitten des neu gewählten Bundeskanzlers Helmut Kohl aber wieder auf. Eine Entscheidung, die in den folgenden Jahren immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen insbesondere mit Innenminister Friedrich Zimmermann, dem CDU/CSU-Fraktionschef Alfred Dregger oder Politikern wie dem CSU-Innenminister Peter Gauweiler führt.

Denn Liselotte Funcke sieht ihr Amt nicht als "Feigenblatt" für deutsche Innenpolitik, sondern als Herausforderung für die Arbeit an einer besseren Gesellschaft. Ausgerüstet mit beeindruckendem Vertrauen in ihre Person in der deutschen Bevölkerung, versteht sie es schnell, sich zur "Dolmetscherin" der Probleme der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu machen. Dies gilt insbesondere für die größte Gruppe, die der türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Der Name "Mutter der Türken", ein Begriff, der Respekt und Dankbarkeit zugleich beinhaltet, ist die Auszeichnung, die ihr die Menschen selbst verleihen. Zahlreiche höchste internationale Preise bezeugen die große Wertschätzung und Anerkennung, die dem Wirken Liselotte Funckes auf internationaler Ebene entgegengebracht wird. Von der Bundesregierung unter Helmut Kohl und vom Bundeskanzler selbst fühlt sich die Liberale immer wieder allein gelassen - bis sie zum 15. Juli 1991 ihren Rücktritt als Ausländerbeauftragte der Bundesregierung erklärt.

Doch auch ohne dieses Amt blieb Liselotte Funcke stets nicht nur international anerkannte und immer wieder zum Rat herangezogene Expertin für Ausländerfragen - nein, gerade viele ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger hatten sie ins Herz geschlossen. Trotz ihrer schier endlosen Ämter und Funktionen nahm sich Liselotte Funcke stets die Zeit, sich auch in Hagen zu engagieren. So hat sich Liselotte Funcke über viele Jahrzehnte in den Dienst der behinderten Menschen gestellt. Insbesondere hat sie das Geschehen bei der Evangelischen Stiftung Volmarstein im Vorstand und Kuratorium maßgeblich mitbestimmt. Ihr Engagement zum Erhalt und zur Sanierung des Eugen Richter-Turms im eigens gegründeten Eugen Richter-Turm-Verein, dessen Vorsitzende sie bis zum Frühjahr 2002 war, zeigt ihr reges Interesse an Fragen in ihrer Heimatstadt bis ins hohe Alter. An ihre Heimatstadt bindete sie aber auch eine Ehrendoktorwürde der Fernuniversität Hagen - die einzige deutsche Fernuniversität brachte mit dieser Auszeichnung die Würdigung des gesellschaftlichen Wirkens von Liselotte Funcke zum Ausdruck.

Liselotte Funcke gehörte zu einer Generation von Politikerinnen und Politikern, die viele heute vermissen. Geprägt von den Erfahrungen der Nazizeit und des Krieges, ging sie nach dem Krieg mit Mut, Elan und Erfolg an den demokratischen Wiederaufbau unseres Landes. Ihre Integrität, ihr "feiner weiblicher Instinkt für Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit" (so Walter Scheel), ihre "gestochene Sachlichkeit" (so Herbert Wehner anerkennend) verschafften ihr eine tiefe Glaubwürdigkeit und ein ganz breites Vertrauen in der Bevölkerung. Und dass sie bis ins hohe Alter wahre Begeisterung auslösen konnte, zeigten zum Beispiel auch ihre regelmäßigen Begegnungen mit jungen Parteifreunden des FDP-Kreisverbandes Hagen oder auch der FDP in Westfalen-West - beide Parteigliederungen hatten Liselotte Funcke zu ihrer Ehrenvorsitzenden ernannt. Wie sehr man sie schätzte, wurde in einem größeren Rahmen noch einmal auf dem Festakt anlässlich ihres 90. Geburtstages deutlich. Die Stadt und die FDP nahmen den Geburtstag zum Anlass, um die "große Dame der deutschen Politik" (so Guido Westerwelle) zu ehren. Liselotte Funcke blieb ihrer Heimatstadt Hagen stets verbunden. Hier verstarb sie auch kurz nach ihrem 94. Geburtstag am 1. August 2012.


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